Praktikum beim Radio
Zwischen Chaos und Verantwortung – Das Praktikum beim Radio
Gleich vorneweg: Es ist alles andere als einfach, einen Praktikumsplatz in der Medienbranche in Neuseeland auf eigene Faust zu finden. Viele der großen Radiosender, wie zum Beispiel das öffentlich-rechtliche Radio New Zealand, haben spezielle Kooperationen mit Universitäten, deren Studenten das Vorrecht auf einen Praktikumsplatz in ihrem Unternehmen haben. Darüber hinaus ist eine Bewerbung per Post vom Ausland aus umständlich, Bewerbungen per Email werden aber häufig gar nicht registriert, landen im Spam-Ordner oder gleich im Mülleimer.
Grundsätzlich sind Praktika in Neuseeland ohnehin weniger üblich, als es in Deutschland der Fall ist und so verbleiben oft nur die kleinen Unternehmen, die dankbar für jede Unterstützung sind und gerne „Volunteers“ oder Praktikanten bei sich aufnehmen. Ein Praktikum in einem kleinen Radiosender kann Nachteile, aber auch Vorteile haben, wie ich selbst erfahren darf.
Tag X ist gekommen. Heute trete ich mein Praktikum bei einem kleinen Radiosender in der Aucklander Innenstadt an. Ich bin gespannt, was mich erwartet, denn aus meinen Gesprächen mit den Einheimischen klang heraus, dass der Sender eher unbekannt ist. Um ganz genau zu sein, klang das so: „Wie heißt der Sender noch mal? Noch nie gehört!“ Davon lasse ich mich allerdings nicht entmutigen, denn es heißt doch, je kleiner das Unternehmen, desto mehr können auch die Praktikanten selbst mit anpacken. Und das ist genau das, worauf es mir ankommt. Nicht nur Kaffee kochen, lächeln und zuschauen, sondern auch wichtige und verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen. Wobei ich zugeben muss, dass ich mir nicht ganz sicher bin, welche das beim Radio sein werden. Ich studiere Journalismus und Medien und da wäre es wünschenswert, wenn ich ein wenig redaktionelle Arbeit übernehmen könnte. Nun gut, man wird sehen.
Ich stehe vor einer schweren silbergrauen Tür, auf der noch deutliche Spuren eines schwarzen Graffitis zu erkennen sind, die sich hartnäckig in die Tür eingefressen haben. Davon abgesehen sind die große Tür und die Wand darum herum aber frei von jeglichen Worten. Auch von einem Namen, oder einem sonstigen Hinweis auf eine Radiostation. Es gibt nicht mal eine Klingel. Ich laufe auf die andere Straßenseite, um zu sehen, was auf dem großen Schild über der Tür steht. Nichts. Es ist schlichtweg weiß und leer. Etwas verunsichert gehe ich zur Haustür zurück. Die Hausnummer stimmt aber. Um elf Uhr bin ich mit Brooke, dem Radiomanager verabredet. Meine Uhr zeigt an, dass er bereits zu spät ist. Oder ich völlig falsch bin. Inzwischen ein wenig nervös laufe ich dich Straße auf und ab. Ja, der Straßenname stimmt auch und beides stimmt mit dem Gekritzel auf meinem Zettel überein. Oder ist das etwa ein „u“ statt einem „y“? Nein, unmöglich. Ich setze mich auf eine Holzbank vor der Tür und beginne gerade hastig eine SMS an Brooke in mein Handy zu hämmern, als ein junger, nicht sehr hoch gewachsener Mann mit verwuscheltem Haar, sehr tief sitzender Jeans und großzügiger Tätowierung am Arm, auf mich zukommt. „Sina?“, fragt er und ich gucke ihn etwas entgeistert an.
Dann fallen mir meine guten Manieren wieder ein und ich lächle und bejahe. Brooke, der Radiomanager, der aussieht wie zwanzig, reicht mir seine Hand und entschuldigt sich für die Verspätung. Zusammen betreten wir die Eingangshalle der Radiostation, die eigentlich ein Haus ist. Dort befindet sich eine Küche, einige runde Tische und Stühle, ein Getränkeautomat gefüllt mit Bier und ein sehr penetranter Geruch nach süßem Tabak. Wir gehen nach oben zu Brookes Büro und Brooke gibt einen Code in das elektronische Türschloss ein, was mich gespannt darauf macht, welche Schätze und elektronische Wertsachen sich in dem Raum befinden. Die „Schätze“, die mir geradezu entgegenkommen, sind stapelweise Kisten voller Ordner, Poster, Papier und Kabel. Das Regal auf der linken Seite ist voll gestopft mit elektronischem Kleinkram und Kabelsalaten und vom Schreibtisch kann ich nicht einmal die Farbe oder das Material erkennen, da er zugestellt ist mit Papieren und Ordnern und einem schweren vergilbten Computer aus den frühen 90er Jahren. Brooke entschuldigt sich für die Unordnung und versucht den Computer anzuschließen, um mir einige Dateien über das Radio und die Buchführung zu zeigen. Augenscheinlich hat er sein Büro, geschweige denn den Computer schon länger nicht mehr benutzt, denn es beginnt eine etwas andauernde Suche nach den richtigen Kabeln und Anschlüssen und als der Computer schließlich hochfährt, wird eine Fehlermeldung angezeigt. „Den muss man manchmal einfach noch mal neu hochfahren, der geht eigentlich schon“, erklärt er mir gelassen, „du kannst den gerne benutzen“. „Nicht nötig“, antoworte ich ihm schnell, „ich habe mein eigenes Notebook dabei“. Brooke lächelt, durchaus erleichtert, und ich blicke in die andere Ecke des Raumes, in der circa 30 Schischas stehen, was zweifellos den süßen Geruch in der ganzen Wohnung erklärt.
Wir verlassen das Büro, für das ich den Code erhalte (welchen ich aber sicher nie gebrauchen werde!) und gehen nun in das Herzstück der Station, ins Studio. Es befindet sich gleich im Zimmer nebenan und bereits von draußen hören wir, dass gerade eine Sendung läuft. Dennoch läuft Brooke schnurstracks herein und ich folge ihm in ein Zimmer, das deutlich leerer aber kaum weniger nach Abstellkammer aussieht. Das Sofa, auf dem wir Platz nehmen, ist in einem 60er Jahre Grün und bereits völlig zerschlissen, was bestätigen könnte, das es tatsächlich schon 40 Jahre alt ist. Gegenüber steht ein mit Stickern beklebter Kühlschrank mit einer bunt beklebten Kiste darauf und darum herum allerlei Kleinkrams und leere Bierflaschen. Hinter dem Tisch hebt sich ein großer schwarzer weiterer Tisch hervor, auf dem sich alte neben neue Computer reihen und sich die Turntables für den DJ befinden. In der rechten Ecke des Raumes steht zudem ein Regal voller CDs und daneben steht der aktuelle Moderator Jamie, ein Mittvierziger mit beinah kinnlangen graubraunen Haaren, grauem Pullover und dunkler Stoffhose, der mich begrüßt und mit Brooke zu plaudern beginnt, während die Playlist weiterläuft. Ab und zu unterbricht er das Gespräch, nuschelt kurz etwas ins Mikrofon, um sich anschließend wieder Brooke und mir zu widmen.
Wie ich auf gerade diese Radiostation gekommen sei, werde ich gefragt. Das kann ich jetzt auch nicht mehr nachvollziehen, denke ich, als mein Blick erneut über das kaputte Sofa und die Flecken an der Wand schweift. „Übers Internet“, sage ich kurz angebunden und mein Gesprächspartner findet das „amazing“. Nach dem kurzen Abstecher im Studio, in dem mir Brooke noch kurz die Technik der Übertragung erläutert, gehen wir in ein Cafe, wo es doch um einiges gemütlicher ist, und Brooke unterrichtet mich über die hunderte von Möglichkeiten, mich im Radio einzubringen. Nach dem Gespräch bin ich noch verwirrter und unwissender als vorher, was meine zukünftige Tätigkeit im Radio betrifft. Zumal man mir sagt, dass es keine wirkliche Zusammenarbeit bei den unterschiedlichen Projekten gibt und jeder zumeist von zu Hause aus arbeitet. Einige Sekunden bin ich traurig darüber, weil ich mir das doch anders vorgestellt hatte und auch auf neue Bekanntschaften gehofft habe. Zumal ich mich ja gar nicht mit der Radioarbeit auskenne! Aber dann rückt der Anblick des Büros wieder in mein Gedächtnis und ich bin dankbar, in meinem schönen Apartment bleiben zu können. Brooke erklärt mir, dass wir meine genauen Aufgaben noch am Abend bei dem heutigen Meeting besprechen können. Das einzige, was bereits fest steht, ist, dass ich meine eigene Show Freitagvormittags bekommen werde, was mich freut aber auch nervös macht. Ich soll zwei Stunden im Radio sprechen! Naja gut, da ich wirklich völlig freie Hand bei der Musikauswahl und Themenwahl habe, werde ich mich wohl an Jamie halten und vorwiegend Musik ohne Unterbrechung spielen.
Abends irre ich durch die Straßen Aucklands auf der Suche nach dem Meeting-Treffpunkt. Das ist wirklich nicht so einfach hier, da die Nummerierung manchmal seltsame Wege geht. So steht Haus Nummer 7, das ich suche, nicht etwa am Ende der Straße von 56-26, denn die hört ja mit 26 auf, sondern in der Straße, deren Nummerierung mit 57 beginnt, also auf der anderen Seite der Kreuzung, und mit 1 endet. Sehr seltsam und verwirrend das alles. Zum Glück steht Brooke vor der Tür und winkt mich in die richtige Richtung. Die Wohnung, in der wir uns treffen, ist offensichtlich eine männliche Junggesellenbude, in der diverse Technik- und Musikinstrumente, sowie Esspappschachteln und leere Flaschen die Vorherrschaft haben. Geredet wird, als alle da sind, wobei alle eine achtköpfige Mischung aus jungen und jung gebliebenen Menschen mit teilweise sehr amüsanter Kleidung darstellt, circa zwei Stunden lang. Nicht über mich oder meine Aufgaben, sondern über die Planung des großen dreitägigen Silvesterfestivals, das die Radiostation veranstaltet und mit welchem sie tatsächlich auch ihr Geld verdient, denn Werbung gibt es bei ihnen keine. Das ist ja auch das reizvolle an der Station. Alles ist erlaubt, die Police ist, dass es keine Police gibt. Somit gibt es jeden Tag völlig andere Musik und abends wird mit Biergelage eine große Radioparty im Studio veranstaltet. Die Einnahmequelle „Party“ soll schließlich auch dort zelebriert werden.
Nun gut. Am Ende der Sitzung haben wir viel gelacht, Bier getrunken und waren mäßig produktiv, was die Planung betrifft. Über meine Aufgaben ist kein Wort gefallen, aber Brooke verspricht mir, dass er mir am nächsten Tag eine Email mit Vorschlägen schickt. Tatsächlich befindet sich am folgenden Nachmittag eine Nachricht in meinem Postfach und ich beginne meine Arbeit als Pressesprecherin. Das heißt, ich verfasse und korrigiere Pressemitteilungen für diverse Websides. Nicht ganz das, was ich erwartet hatte, aber nichtsdestotrotz eine journalistisch anspruchsvolle Aufgabe. Zudem sage ich zu, als Ansprech- und Kontaktperson für die Kooperation mit den unterschiedlichen neuseeländischen und internationalen Musiklabels zu agieren und diese via Email dazu zu bewegen, uns neue Musik zu senden. Das klingt ja ganz spannend. Zudem bin ich zurzeit sehr mit den Vorbereitungen zu meiner Show am Freitag beschäftigt. Dafür muss noch Musik ausgewählt und in eine annehmbare Reihenfolge gebracht werden, sowie nette Smalltalk-Themen überlegt werden. Vorläufiges Fazit ist also: auch wenn die Radiostation äußerlich keinen großen Eindruck macht, ist die Verantwortung, die man übernehmen darf und damit das Lernpotenzial sehr hoch. Und unter anderem dafür bin ich ja hierher, 23.000km weit weg von zu Hause, gekommen.
Sina Huth

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